Wenn der Gos ‚Meldung‘ macht: Annehmen statt wegschimpfen

Es gibt Hunde, die sehen einen Reiz und übersehen ihn wieder. Und dann gibt es Hunde, die sehen einen Reiz und denken: „Okay. Das gehört jetzt zu meinem Aufgabenbereich.“ Der Gos d’Atura Català ist sehr oft die zweite Sorte. Nicht, weil er Drama liebt, sondern weil sein inneres Betriebssystem auf Beobachten, Einordnen und im Zweifel Verantwortung übernehmen programmiert ist.


Es gibt Hunde, die sehen einen Reiz und übersehen ihn wieder. Und dann gibt es Hunde, die sehen einen Reiz und denken: „Okay. Das gehört jetzt zu meinem Aufgabenbereich.“ Der Gos d’Atura Català ist sehr oft die zweite Sorte. Nicht, weil er Drama liebt, sondern weil sein inneres Betriebssystem auf Beobachten, Einordnen und im Zweifel Verantwortung übernehmen programmiert ist.

Das merkt man im Alltag überall: draußen im Dunkeln, wenn da plötzlich jemand steht. An der Haustür, wenn ein Geräusch nicht „normal“ klingt. Im Garten, wenn am Zaun etwas passiert. Oder – als häufiges Beispiel – am Fenster, wenn Bewegung draußen sichtbar wird. Der Ort ist dabei gar nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, wie wir als Menschen mit der „Meldung“ umgehen.

Viele von uns (mich eingeschlossen) haben irgendwann mal versucht, solche Reaktionen wegzuschimpfen. „Aus!“ – „Schluss!“ – „Hör auf!“ Weil man Ruhe herstellen will. Sofort. Verständlich. Nur: Bei einem Hund, der sich zuständig fühlt, ist das oft so sinnvoll, als würde man einem Kollegen sagen: „Melde mir nichts mehr“, statt zu sagen: „Danke, ich übernehme ab hier.“


Was der Gos mit „Meldung“ eigentlich meint

Wenn ein Gos auf einen Außenreiz reagiert (Bellen, Fixieren, vorgehen, „auf Posten“ gehen), steckt dahinter oft kein „Ungehorsam“, sondern eine Logik: Da ist etwas Relevantes und ich bin dafür gemacht, es nicht zu ignorieren.

Der Gos wurde über Generationen dafür gebraucht, Situationen zu lesen und selbstständig zu handeln, wenn kein Mensch direkt neben ihm steht. Das ist kein romantisches Hirtenbild, sondern praktische Arbeit: Überblick halten, Veränderung wahrnehmen, reagieren, bevor etwas kippt. Diese Anlage verschwindet nicht, nur weil wir heute keine Schafe vorm Supermarkt parken.

Deshalb wirkt ein Gos manchmal „hellsichtig“. Ist er nicht. Er ist nur sehr gut darin, Muster und Abweichungen zu erkennen: jemand steht da, wo sonst niemand steht. Ein Auto parkt an einer ungewöhnlichen Stelle. Ein Geräusch passt nicht ins Bild. Das sind für ihn Informationen und Informationen wollen verarbeitet werden.


Warum Schimpfen oft genau das Gegenteil auslöst

Schimpfen wirkt für uns erst mal logisch: Der Hund soll aufhören. Das Problem: Der Reiz bleibt ja trotzdem da. Der Hund fühlt sich zuständig und bekommt gleichzeitig Stress vom Menschen. Damit landet er innerlich in einem Konflikt.

Bei vielen Hunden führt das zu einem von zwei Effekten (manchmal auch zu einer Mischung):

  1. Mehr Einsatz
    „Dann muss ich es wohl deutlicher sagen.“ Der Hund wird lauter, schneller, „drüber“, weil er gelernt hat: Leise meldet sich nicht.
  2. Mehr Unsicherheit
    „Ich hab ein Problem und bekomme Ärger.“ Der Hund wird insgesamt empfindlicher, reagiert früher, kommt schlechter wieder runter.

Beim Gos kommt noch etwas dazu: Wenn er merkt, dass du in solchen Momenten eher reagierst als führst, übernimmt er schneller selbst. Nicht aus Dominanz, sondern weil sein System auf Struktur läuft. Wenn du wackelst, wird er stabil – auf seine Art.


Wachsamkeit oder Unsicherheit? Zwei ähnliche Bilder – zwei unterschiedliche Gründe

Von außen sieht es oft gleich aus: Hund springt auf, reagiert, meldet. Innen im Hund können aber zwei sehr verschiedene Dinge passieren.

Wachsamkeit fühlt sich beim Gos häufig wie „Ich bin zuständig“ an. Der Hund wirkt dabei eher klar: Er geht zielgerichtet in die Situation, meldet und kann (wenn du übernimmst) auch wieder abgeben.

Unsicherheit fühlt sich eher wie „Ich bin mir nicht sicher, ob das hier okay ist“ an. Hinweise können sein: der Hund kommt schwerer raus, bleibt länger „kleben“, scannt dauerhaft, reagiert auf kleinere Bewegungen, oder er braucht deutlich mehr Zeit, bis er wieder runterfährt.

Für dich als Mensch ist der Unterschied wichtig, weil sich deine Aufgabe verschiebt:

  • Bei Wachsamkeit geht es vor allem um Zuständigkeit klären: Meldung annehmen, übernehmen, Abgeben ermöglichen.
  • Bei Unsicherheit geht es zusätzlich um Sicherheit herstellen: Reiz kleiner machen (Management), Routinen schaffen, Vorhersagbarkeit erhöhen.

In beiden Fällen gilt: Schimpfen macht es selten besser. Bei Wachsamkeit drückt es den Hund in die Verantwortung („Dann muss ich es wohl alleine regeln“). Bei Unsicherheit nimmt es ihm Orientierung („Ich hab ein Problem und bekomme Ärger“). Das Prinzip „Meldung annehmen“ ist deshalb so hilfreich, weil es dem Hund beides gibt: gesehen werden und geführt werden.


Das Prinzip: Melden dürfen – abgeben können

Der zentrale Gedanke ist einfach: Der Hund darf aufmerksam sein. Aber er muss nicht entscheiden. Das Entscheidende ist, dass du die Meldung nicht wegdrückst, sondern annimmst und dann übernimmst.

Genau hier hakt es bei vielen im Kopf: „Wenn ich freundlich bin, belohne ich doch das Bellen.“ Das wäre nur dann so, wenn du das Bellen feierst. Tust du nicht. Du quittierst die Information und leitest dann den Jobwechsel ein: „Danke. Ich hab’s. Ab hier übernehme ich.“

Wichtig ist das Timing: Du bestätigst nicht die Eskalation, sondern du schaffst einen Übergang. Und du belohnst anschließend das, was du wirklich willst: Orientierung am Menschen und Abgeben.


Die Methode in 5 Schritten

Das ist kein Zaubertrick. Es ist ein klarer Ablauf, der dem Gos sagt: „Melden ist okay und ich trage die Verantwortung.“

  1. Du gehst hin
    Nicht aus der Entfernung rufen. Nicht diskutieren. Geh hin – ruhig, selbstverständlich. Damit sagst du bereits ohne Worte: „Ich kümmere mich.“
  2. Du bestätigst kurz
    „Danke“ / „Gute Meldung“ / ein Markerwort. Tonlage: sachlich freundlich, nicht begeistert. Du willst Klarheit, keine Party. (Zu viel Enthusiasmus kann den Hund sogar pushen.)
  3. Du übernimmst sichtbar
    Position, Körpersprache, Blick. Beim Gos ist das nicht Deko, sondern Inhalt: „Ich bin vorne.“
  4. Jobwechsel: hinter dich oder auf einen festen Platz
    „Hinter mich“ oder „Auf die Decke“. Der Hund braucht einen klaren Abschluss – sonst bleibt er innerlich zuständig und arbeitet weiter.
  5. Belohnt wird das Abgeben
    Sobald der Hund ruhiger wird, den Blick löst, hinter dir bleibt: bestätigen. Belohnung so wählen, dass sie eher beruhigt als pusht.

Typische Fehler (und wie du sie vermeidest)

  • „Ich bin zu spät dran.“
    Wenn der Hund schon im Vollfilm ist, ist dein „Danke“ manchmal nur noch Beiwerk. Dann gilt: erst Management (Abstand/Sicht unterbrechen/kurz rausnehmen), dann wieder ins Ritual.
  • „Mein Lob macht’s schlimmer.“
    Tonlage runter. Beim Gos wirkt „souverän freundlich“ oft besser als „überschwänglich lieb“.
  • „Der Hund hat keinen Abgabe-Ort.“
    Erst das Signal (hinter mich/Platz) in ruhigen Momenten aufbauen, dann in echten Situationen nutzen.
  • „Ich übernehme nicht konsequent.“
    Mal übernimmst du, mal nicht – dann lernt der Hund: Sicherheitshalber muss ich selbst regeln. Konsequenz heißt hier: zuverlässig.

Warum das beim Gos besonders gut passt

Der Gos ist kein Hund, den man dauerhaft „runterregelt“, ohne etwas zu verlieren. Seine Wachsamkeit ist Teil seiner Identität. Wenn du sie wegdrückst, bekommst du nicht automatisch Ruhe – oft bekommst du Frust.

Wenn du sie aber annimmst und in Zuständigkeit übersetzt, passiert das, was viele bei dieser Rasse als den eigentlichen Gamechanger erleben: Der Gos kann entspannen, weil er nicht mehr alleine auf Posten steht. Er darf melden und er darf abgeben.


Übertrag nach draußen: Dunkelheit & ungewöhnliche Situationen

Viele kennen das unterwegs: Der Hund meldet eine Person im Dunkeln. Oder er reagiert auf etwas, das für ihn nicht ins Bild passt – ein Auto, das da sonst nie steht, ein Geräusch, das nicht dazugehört. Auch hier gilt dasselbe Prinzip – nur in Bewegung:

  • Meldung annehmen: kurz orientieren, hinschauen, ruhig bleiben.
  • Übernehmen: bewusst vorgehen, Position klären, ruhige Stimme.
  • Abgeben lassen: weitergehen, klare Aufgabe, ruhige Bestätigung für Orientierung am Menschen.

Das ist keine neue „Technik“. Es ist eine Haltung: Ich nehme dich ernst und ich trage die Verantwortung.



Bine

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