Erst mitmachen, dann bewerten - typisch Gos d' Atura!

Der Augenblick, in dem jeder denkt: „Wow, was für ein Schüler!

„Das ist ja ein Traumhund!“, strahlt die Hundetrainerin nach unserer ersten Stunde. Ich lächle. Innerlich. Nicht, weil ich nicht stolz wäre, sondern weil ich genau weiß: Wir sind noch in Phase eins. Gubacca ist in dieser Anfangsphase der perfekte Schüler. Reagiert blitzschnell, macht alles mit, schaut aufmerksam, als hätte er sein ganzes Leben darauf gewartet, dass endlich jemand sagt: „Bei Fuß!“ 

Comiczeichnung eines Gos d’Atura Català in der Hundeschule, er sitzt aufmerksam und wirkt gehorsam, mit Gedankenblase: ‚Erstmal brav mitmachen‘.

Und genau das ist der Moment, in dem man als Trainerin oder Spaziergängerin oder völlig Unbeteiligte denken könnte: leichtführiger Hütehund.Tja  und dann kommt Phase zwei. Aber bevor wir dahin kommen, müssen wir uns erst Phase eins anschauen.


Phase eins: „Jawohl, Chef“

Was hier passiert, hat nichts mit blinder Unterordnung zu tun. Der Gos d’Atura bringt aus seinem Hütehund-Erbe eine extrem feine Antenne für Menschen mit. Er reagiert auf unsere Stimme, unsere Körpersprache, selbst auf einen Blick. Schnell, kooperativ, und oft schon beim ersten Versuch.

In der Fachwelt nennt man diese Bereitschaft übrigens „Biddability“. Und sie ist bei kooperativen Arbeitshunden wie Hütern genetisch deutlich stärker ausgeprägt als bei unabhängigen Arbeitern wie reinen Wach- oder Herdenschutzhunden. Beim Gos ist dieser „will to please“-Anteil wichtig, sonst könnte er keine Herde auf menschliche Signale lenken. Also: Auftrag kommt → er setzt ihn prompt um.


Phase zwei: „Moment mal …“

Der Unterschied zu vielen anderen Hütern: Der Gos d'Atura ist nicht nur Hütehund, sondern auch Wachhund. Und dieser zweite Anteil bringt eine Fähigkeit mit, die in der freien Wildbahn Gold wert ist: Eigenständige Entscheidungsfindung. Er kann und soll Situationen selbst einschätzen, Regeln hinterfragen und notfalls anpassen. Im Alltag heißt das: Sobald die Aufgabe langweilig wird (wie minutenlang perfektes „Fuß“), oder der soziale Druck nachlässt (ich schaue nicht hin, telefoniere, spreche mit jemand anderem), beginnt der interne „Kosten-Nutzen-Rechner“ zu arbeiten: „Gilt das wirklich immer? Lohnt sich das für mich? Oder könnte ich jetzt etwas anderes tun? “Das ist kein Trotz. Das ist kluge Ressourcennutzung.

Studien zeigen, dass Hunde egal welcher Rasse eher von Regeln abweichen, wenn sie glauben, dass niemand aufpasst. Bei Rassen mit starkem Unabhängigkeitsanteil ist diese Kalkulation nur eben … verfeinerter. 


Mein Vergleich: Tibet Terrier vs. Gos

Chiru, mein vorheriger Hund, war ein Tibet Terrier, auch ein Hütehund. Sein Motto lautete allerdings: „Erst prüfen, dann handeln, wenn ich es für richtig halte.“ Beim Gos ist es genau andersherum: „Erst handeln,  dann prüfen, ob sich das so weiterhin lohnt.“ Das liegt so meine Interpretation  an der Mischung aus den beiden genetischen Programmen: 

  • Hütehund: schnelle Reaktion auf Menschensignal 
  • Wächter: eigenständige, strategische Bewertung der Situation


Der eine Filtert zuerst, der andere agiert zuerst. Beide sind schlau,  nur eben auf unterschiedliche Weise.


Was mir im Training geholfen hat

Ich habe schnell gelernt, dass Phase zwei nicht das Ende der Kooperation ist  sondern der Beginn des Dialogs.

  • Regeln sind Regeln. Wenn ich bei „Fuß“ nachgebe, nur weil er fragt, ob’s noch gilt, habe ich verloren. Also: konsequent bleiben, auch wenn der Blick „Na?“ sagt.
  • Spaßfaktor hochhalten. Unbeliebte Daueraufgaben mische ich mit Lieblingsübungen, um die Motivation im Fluss zu halten.
  • Motivation variieren. Manchmal Futter, manchmal Spiel, manchmal nur ein kurzes „Gut gemacht!“ – so bleibt es spannend.Präsenz zeigen. 
  • Sobald ich geistig aussteige, steigt er auch aus. Wenn ich klar, aufmerksam und verlässlich bin, bleibt er es auch.


Warum das wichtig ist

Wer dieses Zwei-Phasen-Denken versteht, reagiert nicht frustriert, wenn der Gos plötzlich „prüft“. Man sieht es als das, was es ist: ein Beweis für Intelligenz und Selbstständigkeit  und eine Einladung, Führung nicht als Befehlskette, sondern als partnerschaftliche Zusammenarbeit zu leben.Und wenn die nächste Hundetrainerin wieder sagt: „So einen braven Hund hatte ich lange nicht mehr!“, werde ich wieder lächeln. Weil ich weiß: Die Prüfung kommt noch.


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Ich freue mich, wenn wir ins Gespräch kommen und bin gespannt, wie du das Zwei-Phasen-Denken deines Hundes erlebst! 🐾

Bine

2 Kommentare:

Bianca hat gesagt…

Toll geschrieben und wirklich interessant, wie ein Gos so tickt.

Bine hat gesagt…

Vielen lieben Dank Bianca für das Kompliment :-)!
Liebe Grüße
Bine

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